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Unser Nachhaltigkeits-Dilemma

  • Autorenbild: Joern Kleinschmidt
    Joern Kleinschmidt
  • 6. März 2023
  • 3 Min. Lesezeit

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Foto: JavyGo / Unsplash

Die Frage nach der Bereitschaft zu nachhaltigen Veränderungen unserer Gesellschaft umfasst häufig die Frage nach dem Umweltbewusstsein der Menschen. Wie umweltbewusst sind wir und wie weit sind wir bereit, auch entsprechend konsequent zu handeln? Das Umweltbewusstsein spiegelt die allgemeine Einstellung einer Person gegenüber der Umwelt wider. Das Umweltbewusstsein erfasst dabei verschiedene Aspekte und persönliche Orientierungen in Bezug auf Umweltschäden, Wissen über Umweltprobleme, Einstellungen zu umweltpolitischen Maßnahmen, emotionalen Reaktionen und allgemeinen Wertorientierungen.

Umweltbewusstsein als Konzept umfasst dabei drei zentrale Komponenten:

· eine kognitive Komponente, mit dem Verständnis für mögliche Umweltgefährdungen,

· eine konative Komponente, mit der Bereitschaft zu umweltfreundlichem Handeln

· und eine affektive Komponente mit emotionalen Reaktionen auf Umweltprobleme.

Aber sind wir bei vorhandenem Umweltbewusstsein auch in der Lage entsprechend weitgehend zu handeln? Grundsätzlich sollten Menschen, basierend auf den ihnen zur Verfügung stehenden Informationen, moralisch und ethisch vernünftig handeln und entscheiden (Ajzen & Fishbein, 1980). Auch angewandt auf den Kontext des Klima- und Umweltschutzes ist grundsätzlich zu erwarten, dass ein vorhandenes Umweltbewusstsein auch zu einem entsprechenden umweltbewussten Handeln der Personen führt.

Ein Blick in alltägliche Situationen umweltbewussten Handelns belegt allerdings, dass nur sogenannte „low-cost Aktivitäten“ eine hohe Bereitschaft für ein entsprechendes Handeln erzeugen. Handlungsalternativen, die mit höheren Kosten und/oder eingeschränkter Bequemlichkeit verbunden sind, werden, trotz vorhandenem Umweltbewusstsein, wesentlich seltener ausgewählt. Dies zeigt sich insbesondere für die individuelle, automobile Mobilität (Diekmann & Preisendörfer, 2003, S. 460).

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Abbildung 1: Relative Beziehung zwischen Umweltbewusstsein und entsprechendem Handeln für low-cost und high-cost Aktivitäten in % (nach Diekmann & Preisendörfer, 2003, Tab. 2, S.458)

Das Nachhaltigkeits-Dilemma zwischen der täglichen Entscheidung für Erhalt und Steigerung von Wohlstand und Konsum einerseits und den Risiken für den Erhalt von Umwelt und menschlichem Leben und Gesundheit andererseits, ist bis heute nicht aufgelöst worden (O’Rourke/Lollo, 2015). Das Missverhältnis zwischen vorhandenem Umweltbewusstsein und entsprechendem, individuellem Handeln wird Attitude-Behavior Gap genannt (Jackson, 2005). Es belegt, dass nur die reine Vermittlung von Informationen über die Konsequenzen von umwelt- und klimaschädlichem Verhalten nicht zu entsprechenden notwendigen Verhaltensänderungen führt. Insbesondere Verfügbarkeits-Faktoren wie Kosten, Zeit bzw. Dauer und Zugriffsmöglichkeit reduzieren die Bereitschaft für Handlungsweisen, die dem eigentlich vorhandenen Umwelt- und Klimabewusstsein („Attitude“) entsprechen (Terlau/Hirsch, 2015).

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Abbildung 2: Entscheidungsmodel für nachhaltiges Handeln (Terlau & Hirsch, 2015, Figure 1, S.3)

Die eigenverantwortliche Begrenzung des Klimawandels durch die einzelnen Protagonisten des gesellschaftlichen Lebens erfolgt, trotz besseren Wissens und der Kenntnis über die Konsequenzen unseres Handelns, offensichtlich nur unzureichend. Viele unserer täglichen Gewohnheiten sind fest in unseren täglichen Routinen und Abläufen verankert. Aktuelle Studien zu Verhaltensänderungen im Klimawandel (Verplanken/Whitmarsh, 2021) schlagen vor, die nachhaltige Veränderung von Gewohnheiten im Kontext von disruptiven Ereignissen einzuleiten. Dies könnten beim Klimawandel beispielsweise sporadisch auftretende, bisher seltene, Wetterextreme mit dramatischen Konsequenzen sein. Im Anschluss an die, durch disruptive Ereignisse initiierten und plausibel erscheinenden Verhaltensänderungen, sollten diese dann durch begleitende (auch finanzielle) Fördermaßnahmen und regelmäßige Informationen und Aufklärungsarbeit, weiter gefestigt werden. Langfristig sollten die veränderten Handlungsweisen in der Gesellschaft dann durch Vorschriften und Gesetze abgesichert werden, um einen Rückfall in alte, unvorteilhafte Verhaltensweisen zu vermeiden.


Ajzen, Iczek / Fishbein, Martin (1980): Understanding attitudes and predicting social behavior, London.

Diekmann, Andreas / Preisendörfer, Peter (2003): Green and greenback: The behavioral effects of environmental attitudes in low-cost and high-cost situations, in: Rationality and Society, Heft 4, S. 441-472.

Jackson, Tim (2005): Motivating sustainable consumption: A review of evidence on consumer behaviour and behavioural change, in: Sustainable development research network, Heft 29(1), S. 30-40.

O'Rourke, Dara / Lollo, Niklas (2015): Transforming consumption: from decoupling, to behavior change, to system changes for sustainable consumption, in: Annual Review of Environment and Resources, Heft 40(1), S. 233-259.

Terlau, Wiltrud / Hirsch, Darya (2015): Sustainable Consumption and the Attitude-Behaviour-Gap Phenomenon - Causes and Measurements towards a Sustainable Development, in: International Journal on Food System Dynamics, Heft 6(3), S. 159-174.

Verplanken, Bas / Whitmarsh, Lorraine (2021): Habit and climate change, in: Current Opinion in Behavioral Sciences, Heft 42, S. 42-46.

 
 
 
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